Ratgeber
Testosteron, einfach erklärt.
Was Testosteron im Körper macht, woran du einen Mangel erkennst, wie gemessen wird und was eine Therapie leisten kann und was nicht. Sachlich und mit allen Quellen am Ende.
Stand: 23. Oktober 2026
Was Testosteron ist
Testosteron ist das wichtigste männliche Geschlechtshormon. Es entsteht zum größten Teil in den Hoden, ein kleiner Teil in den Nebennieren.
Gesteuert wird es vom Gehirn: Die Hirnanhangdrüse schüttet das Hormon LH aus, das die Hoden zur Bildung von Testosteron anregt. Ein zweites Hormon, FSH, steuert die Bildung der Spermien. Steigt das Testosteron im Blut an, drosselt das Gehirn beide Hormone wieder.
Im Blut ist das meiste Testosteron an Eiweiße gebunden, fest an SHBG und locker an Albumin. Nur ein kleiner Teil ist frei. Wirksam sind der freie und der locker gebundene Anteil. Deshalb gehören zu einer Messung neben dem Gesamttestosteron auch SHBG und Albumin: Aus allen drei Werten lässt sich das freie Testosteron berechnen.
Der Spiegel schwankt. Morgens ist er am höchsten, über den Tag sinkt er. Mit dem Alter nimmt er langsam ab, je nach Studie um etwa 0,4 bis 2 Prozent pro Jahr, das freie Testosteron stärker als das gesamte. Bei den meisten Männern bleibt er trotzdem im Normalbereich.
Was es im Körper macht
- Lust und Erektion. Testosteron trägt zur Lust auf Sex bei und zu Erektionen, besonders zu den morgendlichen.
- Fruchtbarkeit. Zusammen mit FSH treibt es die Bildung der Spermien an.
- Muskeln und Kraft. Es fördert den Aufbau von Muskelmasse.
- Knochen. Es hält die Knochen fest.
- Blut. Es regt die Bildung roter Blutkörperchen an.
- Stoffwechsel. Es bestimmt mit, wie viel Fett der Körper einlagert.
- Antrieb und Stimmung. Ein Mangel kann sich als Müdigkeit, Lustlosigkeit oder gedrückte Stimmung zeigen.
Wann ein Mangel vorliegt
Ärzte sprechen von einem Testosteronmangel, medizinisch Hypogonadismus, wenn zwei Dinge zusammenkommen: typische Beschwerden und ein wiederholt niedriger Testosteronwert. Ein niedriger Wert allein reicht dafür nicht, Beschwerden allein auch nicht.
Typische Anzeichen
Am deutlichsten hängen drei sexuelle Zeichen mit niedrigem Testosteron zusammen: weniger Lust, seltener Erektionen am Morgen und Erektionsstörungen. Häufig kommen weitere Zeichen dazu:
- weniger Energie und Antrieb,
- gedrückte Stimmung oder Reizbarkeit,
- weniger Kraft und Muskelmasse,
- mehr Bauchfett,
- Hitzewallungen und Schweißausbrüche,
- Knochenschwund.
Keines dieser Zeichen ist für sich eindeutig. Müdigkeit oder Lustlosigkeit haben oft andere Gründe, etwa Schlafmangel, Stress, eine Depression oder eine Erkrankung der Schilddrüse. Deshalb gehören Gespräch und Messung zusammen.
Ursachen
- In den Hoden selbst. Angeboren wie beim Klinefelter‑Syndrom, nach Verletzungen, Entzündungen, Chemo- oder Strahlentherapie.
- In der Steuerung durch das Gehirn. Etwa bei Erkrankungen der Hirnanhangdrüse, einem erhöhten Prolaktin, nach Anabolika oder durch Medikamente wie Opioide und Kortison.
- Durch Gewicht, Krankheiten und Alter. Übergewicht, Typ‑2‑Diabetes, Schlafapnoe und chronische Erkrankungen senken das Testosteron, bei Männern über 40 ist das der häufigste Fall. Hier kann der Wert wieder steigen, wenn die Ursache behandelt wird, zum Beispiel durch Abnehmen.
Wie häufig
In einer großen europäischen Studie mit gut 3.000 Männern zwischen 40 und 79 Jahren hatten rund zwei Prozent einen Mangel mit Beschwerden, je nach Studie sind es bis zu sechs Prozent. Mit dem Alter wird er häufiger.
Wie gemessen wird
Weil der Spiegel schwankt, gilt für eine aussagekräftige Messung:
- Morgens. Blutentnahme zwischen 7 und 10 Uhr, wenn der Wert am höchsten ist.
- Nüchtern. Nach einer Mahlzeit kann der Wert um ein Drittel sinken.
- Zweimal. Ein niedriger Wert wird an einem anderen Tag bestätigt, erst dann kommt eine Therapie infrage.
- Nicht krank. Während einer Grippe oder Erkältung ist der Wert oft zu niedrig.
- Ohne Biotin. Biotin kann die Messung stören, setz es drei Tage vorher ab.
Welche Werte
- Gesamttestosteron, SHBG und Albumin, daraus das freie Testosteron,
- LH und FSH zeigen, ob die Ursache in den Hoden oder in der Steuerung liegt,
- Prolaktin, wenn die Steuerung die Ursache sein könnte,
- vor einer Therapie Werte für die Sicherheit, etwa das PSA.
Grenzwerte
Wo die Grenze liegt, sehen die Fachgesellschaften unterschiedlich:
- EAU, Europa: unter 12 nmol/l (rund 350 ng/dl), frei unter 220 pmol/l.
- Endocrine Society, USA: unter 9,2 nmol/l (264 ng/dl).
- AkdÄ und DGE, Deutschland: unter 8 nmol/l belegt, bis 12 nmol/l Graubereich.
Ein Wert knapp unter einer Grenze ist deshalb kein Urteil: Er zählt zusammen mit den Beschwerden und der zweiten Messung.
Bei Fellows
Die Probe nimmst du morgens zu Hause selbst am Oberarm ab und schickst sie ans Partnerlabor. Im Testosteron‑Check Basic misst es Testosteron, SHBG und Albumin, als erste Messung; im Plus und Premium kommen deine Zusatzwerte dazu. Ob eine Therapie infrage kommt oder erst eine weitere Messung nötig ist, bespricht der Arzt mit dir im Befundgespräch.
Die Therapie
Wann sie infrage kommt
Eine Testosterontherapie kommt infrage, wenn Beschwerden und wiederholt niedrige Werte zusammenkommen und nichts dagegen spricht. Lässt sich die Ursache selbst behandeln, etwa Übergewicht, eine Schlafapnoe oder ein Medikament, steht das am Anfang. Das Alter allein spricht weder dafür noch dagegen. Ob eine Therapie für dich passt, entscheidet der Arzt gemeinsam mit dir.
Wie Testosteron gegeben wird
- Als Gel. Täglich auf die Haut aufgetragen.
- Als Spritze. In den Muskel, kurz wirksam alle zwei bis drei Wochen oder lang wirksam etwa alle zwölf Wochen.
Die Dosis richtet sich nach den Werten, Ziel ist ein mittlerer Normalwert. Die erste Kontrolle folgt nach drei Monaten. Bessern sich die Beschwerden nach sechs bis zwölf Monaten nicht, wird die Therapie beendet.
Was Studien zeigen
Am besten belegt ist die Wirkung auf die Sexualität. In den T‑Trials, einer Studienreihe mit 790 Männern ab 65 Jahren mit niedrigem Testosteron, besserten sich Lust und Sexualfunktion unter Testosteron deutlicher als unter Placebo. Die Stimmung besserte sich leicht, Energie und Gehstrecke nicht messbar. Die Knochendichte nahm zu, und eine leichte Blutarmut ging häufiger zurück. Bei Erektionsstörungen mit Mangel bessert Testosteron allein vor allem leichte Fälle. Wie stark ein Mann profitiert, ist sehr unterschiedlich.
Kinderwunsch
Zugeführtes Testosteron bremst die eigene Spermienbildung, oft bis zur Unfruchtbarkeit. Nach dem Absetzen erholt sie sich in der Regel wieder, das kann aber Monate dauern. Wer in absehbarer Zeit Kinder möchte, beginnt deshalb keine Testosterontherapie; der Arzt bespricht mit dir andere Wege.
Kein Mittel ohne Mangel
Testosteron ist verschreibungspflichtig. Ohne nachgewiesenen Mangel ist es kein Mittel für mehr Leistung oder Muskeln, dann überwiegen die Risiken. Im Wettkampfsport ist es immer verboten, auch bei einem Mangel nur mit einer Ausnahmegenehmigung.
Risiken und Gegenanzeigen
Wie jedes Medikament hat Testosteron Nebenwirkungen. Über sie und über Gründe gegen eine Therapie spricht der Arzt mit dir, bevor du beginnst.
Wann Testosteron nicht gegeben wird
- bei Brustkrebs oder einem aktiven Prostatakrebs,
- bei Kinderwunsch in naher Zukunft,
- bei einem deutlich erhöhten Anteil roter Blutkörperchen (Hämatokrit),
- bei unbehandelter schwerer Schlafapnoe,
- bei einer Neigung zu Blutgerinnseln (Thrombophilie),
- bei starken Beschwerden beim Wasserlassen,
- bei einer Herzschwäche, die nicht gut eingestellt ist,
- in den ersten sechs Monaten nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall,
- bei erhöhtem PSA oder unklarem Tastbefund, bis ein Urologe es abgeklärt hat.
Mögliche Nebenwirkungen
- mehr rote Blutkörperchen, die häufigste Nebenwirkung: Das Blut wird dicker, unter Spritzen öfter als unter Gel,
- Akne und fettige Haut,
- Spannen oder Vergrößerung der Brust,
- weniger Spermien,
- Wassereinlagerungen, besonders bei Herz-, Leber- oder Nierenschwäche,
- Hautreizungen dort, wo das Gel aufgetragen wird,
- ein Anstieg des PSA.
Gel nicht weitergeben
Gel kann bei engem Hautkontakt auf andere übergehen, auch Stunden nach dem Auftragen, etwa auf eine Partnerin oder auf Kinder. Wasch dir danach die Hände, lass das Gel trocknen, bedeck die Stelle mit Kleidung und wasch sie vor engem Körperkontakt ab.
Herz, Knochen und Prostata
Ob Testosteron das Herz belastet, war lange umstritten. In der bisher größten Studie dazu, TRAVERSE mit gut 5.200 Männern zwischen 45 und 80 Jahren mit Herzerkrankung oder hohem Herzrisiko, kamen Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle durch das Herz unter Testosteron nicht häufiger vor als unter Placebo (7,0 gegen 7,3 Prozent). Häufiger waren aber Vorhofflimmern, akute Nierenschäden und Lungenembolien. Eine Auswertung derselben Studie fand mehr Knochenbrüche. Bei Prostatakrebs gab es keinen Unterschied, das PSA stieg unter Testosteron aber stärker an.
Kontrollen
Eine Testosterontherapie braucht regelmäßige Kontrollen: laut den Leitlinien die erste nach drei bis sechs Monaten, danach mindestens einmal im Jahr.
In der Begleitung von Fellows gibt es alle drei Monate eine Kontrolle mit Gespräch beim Arzt, das neue Entnahme‑Set mit Labor dafür bestellst du gesondert. Jedes Mal misst das Labor Testosteron, SHBG und Albumin, daraus das freie Testosteron. Einmal im Jahr kommen PSA, Östradiol, Leberwert GPT, Blutfette und Langzeitzucker (HbA1c) dazu. Hält dein Arzt weitere Werte für nötig, misst das Labor sie nur mit deiner Zustimmung, sie stehen dann einzeln auf der Rechnung.
Folgerezepte gibt es nur, wenn die Kontrollen stattfinden. Nebenwirkungen und neue Beschwerden teilst du deinem Arzt gleich mit, im Notfall wählst du die 112. Wer Gel nutzt: Reste auf der Haut können den gemessenen Wert verfälschen, dein Arzt sagt dir, wie du die Entnahme planst.
Ob bei dir ein Mangel vorliegt, zeigen deine Werte und das Gespräch mit dem Arzt.
Zu den PreisenQuellen
Dieser Ratgeber ersetzt kein Gespräch mit einem Arzt. Er stützt sich auf die folgenden Leitlinien und Studien:
- European Association of Urology (EAU): Guidelines on Sexual and Reproductive Health, Male Hypogonadism. Ausgabe 2026.
- Bhasin S. et al.: Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism, Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab 2018;103:1715‑1744.
- Diederich S., Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Differenzialdiagnostik und -therapie des männlichen Hypogonadismus. Arzneiverordnung in der Praxis 2021.
- Zitzmann M., Kliesch S.: Stellungnahme der DGA, DGU und des BvDU zu „Testosteron bei älteren Männern“. aktualisiert 2024.
- Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie: Altersbedingter Testosteronmangel. Pressemitteilung 2025.
- Wu F. C. W. et al.: Identification of late‑onset hypogonadism in middle‑aged and elderly men (European Male Ageing Study). N Engl J Med 2010;363:123‑135.
- Feldman H. A. et al.: Age trends in the level of serum testosterone and other hormones in middle‑aged men: longitudinal results from the Massachusetts Male Aging Study. J Clin Endocrinol Metab 2002;87:589‑598.
- Snyder P. J. et al.: Effects of Testosterone Treatment in Older Men (the Testosterone Trials). N Engl J Med 2016;374:611‑624.
- Snyder P. J. et al.: Effect of Testosterone Treatment on Volumetric Bone Density and Strength in Older Men With Low Testosterone. JAMA Intern Med 2017;177:471‑479.
- Lincoff A. M. et al.: Cardiovascular Safety of Testosterone‑Replacement Therapy (TRAVERSE). N Engl J Med 2023;389:107‑117.
- Snyder P. J. et al.: Testosterone Treatment and Fractures in Men with Hypogonadism. N Engl J Med 2024;390:203‑211.
- Bhasin S. et al.: Prostate Safety Events During Testosterone Replacement Therapy in Men With Hypogonadism. JAMA Netw Open 2023;6:e2348692.
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Testosteronhaltige Arzneimittel. Überprüfung 2014/2015.